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Prothesen

Der Verlust eines oder mehrerer Gliedmaßen ist für den Betroffenen ein traumatisches Ereignis, welches eine große Lebensveränderung bedeutet.

Die Prothetik versucht durch Ersatz der Gliedmaßen durch geeignete Prothesen die Folgen abzumildern.

Ein äußerst wichtiger Aspekt in der Prothesenversorgung ist die Akzeptanz der Situation und die Bereitschaft des Patienten mitzuarbeiten. Das bedeutet, dass der Patient die Prothese als Hilfsmittel erkennt und diese als Chance sieht, weiter am allgemeinen Leben teilzunehmen. Für Patienten ist das Lernen des Gebrauchs einer Prothese ein langer, mit großen Anstrengungen und häufig  Schmerzen verbundener Prozess. Eine wichtige Stütze stellt daher das persönliche Umfeld des Patienten - Familie, Freundeskreis, Arbeitskollegen - dar, indem es Bestätigung, Ermutigung Trost und Motivation bietet.

Ursachen von Amputationen 

Mittlerweile werden ca. 80% der Amputationen der unteren Extremität durch arterielle Verschluss-krankheiten verursacht. Auslöser für arterielle Verschlusskrankheiten (AVK) sind z.B.:  Altersfaktoren, Ernährung, Rauchen oder auch Diabetes. Weitere Ursachen für Amputationen sind Tumore oder Krebserkrankungen, Unfälle, Infektionen oder angeborene Fehlbildungen.

Geschichtliches

Schon immer wurde im Laufe der Geschichte versucht, fehlende Gliedmaße zu ersetzten. Die bekannteste Prothese aus dem spätmittelalterlichen Deutschland ist die eiserne Hand des Götz von Berlichingen. Dieser hatte seine Hand bei der Belagerung von Landshut durch einen Schuss aus einer Feldschlange (Kanone) verloren. Nach seiner Rückkehr in die Heimat  wurde er mit einer Eisenhand versorgt, die mit einem künstlichen Mechanismus versehenen war. Dieser  ermöglichte es die Finger zu bewegen. Die Prothese glich einem  Handschuh, der am Unterarmstumpf festgeschnallt wurde.

Die bedeutendste Entwicklung der Armprothetik in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts war wohl die Sauerbruchtechnik.

Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875 – 1951) entwickelte eine Armprothese, bei der mittels zweier Elfenbeinstifte in Beuger und Strecker des Armstumpfes durch Ketten die Finger und der Daumen geöffnet und geschlossen werden konnte.

Während mit den ersten Prothesen kaum Funktionen des ursprünglichen Organs oder Körperteils hinreichend ersetzt wurden (man denke an Glasaugen), ermöglichen heute mikroprozessorgesteuerte Arm- oder Bein-Prothesen komplexere Bewegungen und sportliche Betätigung. Bei Armprothesen mit Greiffunktion (im Gegensatz zu passiven Schmuckprothesen, die lediglich eine kosmetische Wirkung haben), die der menschlichen Hand nachempfunden sind (im Gegensatz zu funktionalen Greifern bzw. Hook-Prothesen), besteht die Außenhaut heutiger handelsüblicher Prothesen aus PVC, welches robuster ist und der Haut mehr ähnelt als andere Stoffe, wie Holz oder Leder-Stahlprothesen.1

Prothesenarten

Hand/Armprothesen

werden bei Verlust der Hand oder des Armes eingesetzt. Mittlerweile hält die Technik verschiedene Prothesenformen bereit. Die neueste Entwicklung bietet Handprothesen aus dem 3-D Drucker und sogar Modelle, die dem Menschen ein Tastgefühl vermitteln können. Hier ist der technische Fortschritt also schon recht weit gedrungen.

Brustprothesen

"Brustkrebs (medizinisch Mammakarzinom) ist der häufigste bösartige Tumor der Brustdrüse des Menschen. Er kommt hauptsächlich bei Frauen vor; nur etwa jede hundertste dieser Krebserkrankungen tritt bei Männern auf. In den westlichen Staaten ist Brustkrebs die häufigste Krebsart bei Frauen. Am Brustkrebs sterben mehr Frauen als an irgendeiner anderen Krebserkrankung. Die meisten Erkrankungen treten sporadisch (zufällig) auf, es gibt aber sowohl erbliche als auch erworbene Risikofaktoren. Neben der Heilung sind der Erhalt der betreffenden Brust und vor allem der Lebensqualität erklärtes Ziel der medizinischen Behandlung. Die Therapie besteht in der Regel in einer an das Erkrankungsstadium angepassten Kombination aus Operation sowie Zytostatika-, Hormon- und Strahlentherapie. Neue Ansätze aus dem Gebiet der Krebsimmuntherapie werden außerdem durch monoklonale Antikörper (wie z. B. durch die Verabreichung von Trastuzumab oder Pertuzumab) ermöglicht. Das medizinische Vorgehen basiert in hohem Maß auf Erfahrungen aus Studien und ist in weltweit akzeptierten Leitlinien standardisiert. Zahlreiche nationale und internationale Programme zur Früherkennung und zur strukturierten Behandlung sollen die Mortalität (Sterblichkeit) künftig senken."2

Erstversorgung: "Unmittelbar nach einer Brustoperation werden Prothesen aus feinsten Mikrofaser-Stoffen und Baumwolle verwendet, sodass die sensible Haut geschützt wird."3 Teilversorgung: "Nach einer Brust erhaltenden Operation ermöglichen weiche Ausgleichsschalen aus Silikon eine Symmetrie der Brust wieder herzustellen."4 Vollversorgung: "Nach einer Totaloperation dienen Brustprothesen aus Silikon für einen eventuellen Ausgleich bei Unebenheiten und schenken Ihnen Wohlbefinden und Sicherheit."5

 

Fußprothesen

"Eine Fußprothese wird notwendig, wenn durch eine Amputation am Fuß normale Schuhe (Konfektionsschuhe) nicht mehr tragbar sind bzw. das Gehen erschwert oder unmöglich ist. Auch kosmetische Defizite können ausgeglichen werden."6

"Formen der Versorgung

Bei kaum verkürzten Füßen, etwa bei Amputation der Großzehe oder aller Zehen, reicht eine Zurichtung des Konfektionsschuhes mit Sohlenversteifung und Zehenersatz aus. Möglich sind auch maßgegossene Silikonprothesen, die vorwiegend kosmetische Wirkung haben (z. B. in Sandalen).

Bei kürzeren Fußstümpfen reicht die Bandbreite von der Prothese im Konfektionsschuh bis zum orthopädischen Maßschuh mit integrierter Stumpfbettung und der am Unterschenkel hochgezogenen Stützlasche. Dabei muss immer zwischen kosmetischen Wünschen des Patienten, Sicherstellung der Funktion der Versorgung und Einsatzgebiet, d. h. der Belastung abgewogen werden.

Bei geringer Belastung z. B. als Hausschuh kann, je nach Stumpflänge, auch eine halbschuhhohe Versorgung gewagt werden. Dabei muss dann eine starke Zuggurtung um das Fersenbein integriert werden, um jegliches Fersenspiel auszuschließen und die Bodenkraft auf die Ferse und damit auch den Unterschenkel zu übertragen."7

 

Beinprothesen

Bei Beinprothesen wird zwischen Ober- und Unterschenkelprothesen unterschieden.

Unterschenkelprothesen

"Als Unterschenkelprothese bezeichnet man ein Körperersatzstück, welches nach einer Amputation des Beines unterhalb des Kniegelenkes zum Einsatz kommt.

Unterschenkelprothesen bestehen aus einem Schaft, einem Rohrskelett, einem Fuß und der Kosmetik, welche der Form des erhaltenen Beines angepasst wird. Es gibt auch Prothesen, bei denen das Rohrskelett durch eine Hartschale (aus GFK/KFK Glasfasergewebe Kohlefasergewebe) ersetzt wird, beispielsweise bei Badeprothesen. Auch kommen bei manchen Prothesen sog. Oberhülsen zum Einsatz, die gelenkig mit dem Schaft verbunden sind, um bei sehr kurzen Stümpfen den Halt zu verbessern. Allen gemein ist jedoch die Form der Lastübertragung. Genutzt werden dafür druckunempfindliche Stellen am Stumpf. Hierzu zählen das Patellaband, das Stumpfende (bedingt), Teile des Schienbeines, die Struktur zwischen Schien- und Wadenbein und der hintere muskuläre Teil des Stumpfes. Besonders druckempfindliche Stellen werden entlastet. Dazu zählen die Knochenenden von Schien- und Wadenbein und das Wadenbeinköpfchen."8

Oberschenkelprothesen

" Als Oberschenkelprothese bezeichnet man ein Körperersatzstück, welches nach einer Amputation des Beines oberhalb des Kniegelenkes bei Durchtrennung des Oberschenkelknochens zum Einsatz kommt. Oberschenkelprothesen bestehen aus einem Schaft, einem mechanischen oder elektronischen Kniegelenk, einem Rohrskelett, einem Fuß und der Kosmetik, welche der Form des erhaltenen Beines angepasst wird. Es gibt auch Prothesen, bei denen das Rohrskelett durch eine Hartschale (aus GFK/KFK) ersetzt wird, beispielsweise bei Badeprothesen. Diese bieten jedoch nur einen eingeschränkten Funktionsumfang. Die Lastübertragung erfolgt bei Oberschenkelprothesen je nach verwendeter Schaftform über den Sitzbeinhöcker bzw. die gesamte Oberfläche des Stumpfes. Druckempfindliche Knochenteile die entlastet werden müssen, wie bei den Unterschenkelprothesen, gibt es bei den Oberschenkelprothesen nur selten. Hier ist es hingegen notwendig, der Muskulatur Raum für Ausdehnung zu schaffen und die Lastverteilung zu optimieren."9

Knieexartikulationsprothesen

Bei Absetzung im Kniegelenk, so dass die Oberschenkelkondylen (unteres Ende des Oberschenkelknochens) erhalten bleiben, spricht man von einer Knieexartikulation. Hierbei ist die Führung der Prothese vom Patienten verhältnismäßig einfach, da aufgrund des langen Stumpfes (Hebel) und der 100%igen Endbelastungsmöglichkeit  die Prothesensteuerung leicht ist. Nur kosmetisch ist dieser Typ nur bedingt optimal.

Sofort- und Frühversorgung in der Beinprothetik

In manchen Fällen kann schon kurze Zeit nach der Amputation eine erste Prothese angepasst werden. Mit einer solchen Sofortprothese kann der Stumpf schon frühzeitig teilweise belastet und mit ersten Gehübungen begonnen werden. Die Sofortversorgung erfolgt meist schon etwa zehn Tage nach der Amputation. Diese Art Prothesen sind jedoch nicht für alle Amputationen geeignet. Wer dafür in Frage kommt, entscheiden Arzt, Physiotherapeut und der Orthopädie-Techniker gemeinsam. Falls eine solche Frühversorgung möglich sein sollte, erhält der Patient nach einigen Wochen eine neue Prothese; eine sogenannte Interimsprothese, die der Orthopädie-Techniker individuell für anpasst. Sie eignet sich für erste Geh- und Stehübungen.

Phantomschmerzen

"Unter Phantomschmerz versteht man eine Schmerzempfindung in einer amputierten Gliedmaße

Zwischen 50 und 80 % der Patienten mit Amputationen haben Empfindungen in Bereichen, die der amputierten Gliedmaße entsprechen und die Mehrheit dieser Empfindungen ist schmerzhafter Natur. Phantomempfindungen können aber auch nach der Entfernung von Teilen des Körpers auftreten, die keine Gliedmaßen sind, zum Beispiel nach einer Brustamputation, Zahnextraktion (Phantomzahnschmerz) oder nach der Exstirpation eines Auges (Phantomaugen-Syndrom). Die fehlende Gliedmaße wird oft als kürzer empfunden und kann das Gefühl vermitteln, sie sei in einer schmerzhaften oder verdrehten Position. Der Schmerz kann auch brennend oder als Kälte oder Wärme oder andere Missempfindung wie Kribbeln, Juckreiz oder Quetschung wahrgenommen werden. Gelegentlich kann sich der Schmerz durch Stress, Angst, Witterungsumschläge verschlimmern. Ein Phantomschmerz tritt gewöhnlich intermittierend auf. Häufigkeit und Stärke der Anfälle nehmen meist mit der Zeit ab."10

Anspruchsvoraussetzungen

Jeder amputierte Patient  hat ein Recht auf eine Prothesenversorgung.

Um die Prothesentragbarkeit und Leistungsfähigkeit zu prüfen wird bei der Erstversorgung grundsätzlich eine Interimsprothese angepasst.  Diese findet bis zur Fertigung der endgültigen - Definitivprothese Verwendung.

Mobilitätsklassen für Beinamputierte

In der Prothetik der unteren Extremitäten werden Mobilitätsklassen angewendet. Diese dienen der Einstufung der Leistungsfähigkeit eines Menschen mit amputierten Gliedmaßen. Dabei ist sind Potential und Therapieziel gemeint und  nicht der aktuelle Zustand des Menschen mit amputierten Gliedmaßen gemeint.

  • Mobilitätsgrad 0: Nicht gehfähig
  • Mobilitätsgrad 1: Innenbereichsgeher
  • Mobilitätsgrad 2: Eingeschränkter Außenbereichsgeher
  • Mobilitätsgrad 3: Uneingeschränkter Außenbereichsgeher
  • Mobilitätsgrad 4: Uneingeschränkter Außenbereichsgeher mit besonders hohen Ansprüchen

Die Mobilitätsgrade im Einzelnen:

"0.Nichtgehfähiger
Hier wird unterstellt, dass der Patient nicht im Stande ist eine Prothese aktiv zu nutzen. In seltenen Fällen wird ein kosmetischer Ersatz gefertigt.

1.Innenbereichsgeher
Der Betroffene besitzt das Potenzial bzw. die Fähigkeit die Prothese für kurze Wegstrecken (auf ebener Fläche) und Transferzwecke zu nutzen.

2. Eingeschränkter Außenbereichsgeher

Der Betroffene besitzt das Potenzial bzw. die Fähigkeit, sich langsam fortzubewegen und dabei kleinere Hindernisse zu überwinden.

3. Uneingeschränkter Außenbereichsgeher

Der Betroffene besitzt das Potenzial bzw. die Fähigkeit, sich mit seiner Prothese mit variabler (auch hoher) Geschwindigkeit in unterschiedlichem Terrain fortzubewegen. Auch berufliche und therapeutische Aktivitäten bereiten Ihm keine Schwierigkeiten.
Die Prothese wird jeoch nicht überdurchschnittlicher beansprucht. Die Gehdauer / -strecke sind gegenüber Unversehrten unwesentlich limitiert.

4. Uneingeschränkter Außenbereichsgeher mit besonders hohen Funktionsansprüchen
Der Betroffene besitzt das Potenzial bzw. die Fähigkeit sich wie der uneingeschränkte Außenbereichsgeher fortzubewegen. Gehstrecke und Dauer sind nicht limitiert. Außerdem kommt es auf Grund eines hohen Anspruches zu vermehrten Stoßbelastungen bzw. Spannungen oder Verformungen."11

Ausblick:

"Prothesen der Gegenwart und Zukunft

Waren es bis in den neunziger Jahren meist recht grobe Hände, die gerade mal zugreifen können, werden die Hände ab der Jahrtausendwende immer feiner. Der Trend geht zur Bionischen Hand, die mit allen zehn Fingern greifen kann und die natürliche Hand nachahmt. Möglich macht das die immer genauer werdende Steuerung der Hände. Wurden die Muskelsignale einst mit lediglich zwei Elektroden abgegriffen so sind jetzt über zwanzig Signale aus dem Muskel verarbeitet. Dementsprechend präzise sind die Bewegungen."12

Durch die stetige Verbesserung der Technik werden Prothesen immer leistungsfähiger und technisch ausgefeilter. So werden mittlerweile Prothesen für spezielle Einsatzbereiche gefertigt, zum Beispiel Schwimm- oder Laufprothesen. Einige Beispiele für moderne Prothesen finden sich auf der Website des Herstellers Otto Bock  -   Prothesenfüße, Armprothesen und Beinprothesen

Durch moderne Herstellungsverfahren - Beispiel 3-D Druck - die die Herstellungskosten verringern, werden technisch ausgefeilte, aufwendige Prothesen mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in nicht allzu ferner Zukunft einer großen Anzahl von Menschen zur Verfügung stehen.

Quellennachweis

 

-          1,2, 6,7,8,9,10,: Wikipedia

-          3, 4, 5: Anita Dr. Helbig GmbH

-          11: www.OT-World.de/Lexikon

-          12: Kurze Geschichte der Prothetik, odysso, aus der Sendung vom Do, 16.4.2015 SWR Fernsehen